Wer heute über Personalentwicklung in China spricht, vergisst oft, wo das Land wirtschaftlich herkommt. In den 1990er-Jahren erinnerte die Situation in vielen Bereichen eher an England im viktorianischen Zeitalter als an eine moderne Industrienation.
Die unterschwellige Arbeitslosigkeit lag im dreistelligen Millionenbereich. Arbeit war kein Selbstverständnis, sondern ein Privileg. Viele Menschen waren froh, wenn sie für drei warme Mahlzeiten am Tag und ein Bett arbeiten durften. Entsprechend groß war das Machtgefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern – und entsprechend drastisch war in vielen Fällen die Ausbeutung durch Fabrikbesitzer.
Natürlich konnte man unter diesen Umständen keine deutschen Standards ansetzen. Das wäre realitätsfremd gewesen. Aber für mich gab es immer eine rote Linie. Ich habe damals bewusst mit keinem Lieferanten zusammengearbeitet, der diese unterschritten hat. Auch in einem schwierigen Umfeld gibt es Grenzen – und Verantwortung.
Heute hat sich die Diskussion grundlegend verschoben.
Statt über Arbeitslosigkeit und Grundversorgung zu sprechen, werde ich regelmäßig mit umfangreichen Fragebögen meiner Kunden konfrontiert. „Corporate Responsibility“, soziale Standards, Arbeitsbedingungen, Schulbildung, Arbeitsschutz. Ich fülle diese Fragebögen aus, schicke sie zurück – und bislang hat sich niemand ernsthaft davon überzeugt, ob meine Angaben auch stimmen.
Das ist auch gar nicht nötig.
Denn China hat sich strukturell verändert. Die Schulpflicht wurde auf neun Jahre erhöht, qualifizierte Arbeitskräfte sind heute die Regel, nicht die Ausnahme. Gleichzeitig gibt es kaum noch Arbeitslosigkeit in den industriellen Zentren. Wer seinen Mitarbeitenden kein anständiges Arbeitsumfeld bietet, verliert sie schnell – an den nächsten Arbeitgeber.
Personal ist heute kein beliebig austauschbarer Kostenfaktor mehr, sondern ein knapper Produktionsfaktor.
Diese Entwicklung hat eine weitere Konsequenz: Die lange Zeit extrem niedrigen Personalkosten waren – und sind im chinesischen Mittelstand teilweise immer noch – ein Hemmschuh für Modernisierung und Automatisierung. Solange Profite auch ohne Investitionen stimmen, wird gezögert. Maschinen, Digitalisierung, Prozessautomatisierung kosten Geld – und erfordern langfristiges Denken.
Doch genau hier trennt sich aktuell die Spreu vom Weizen.
Wer heute nicht investiert, wer weiterhin nur auf billige Arbeitskraft setzt, bleibt schnell auf der Strecke. Und das ist politisch durchaus gewollt. Der chinesischen Regierung ist es in diesem Punkt egal, wer den Anschluss verliert. Wer nicht mit der Zeit geht, hat in der freien Wirtschaft nichts verloren.
Anders sieht es beim Thema Umweltschutz aus. Seit Xi Jinping Präsident ist, werden Umweltauflagen kontinuierlich verschärft. Und anders als in Deutschland bleibt es nicht bei Verordnungen und Zielvorgaben. Die Durchsetzung erfolgt konsequent – notfalls auch mit technischen Mitteln.
In Betrieben, in denen mit Chemikalien oder kritischen Stoffen gearbeitet wird, werden Kameras installiert, um Prozesse zu überwachen. Datenschutzdebatten wie in Europa spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Der politische Wille ist klar: Umweltauflagen sind einzuhalten – nicht irgendwann, sondern jetzt.
China hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Phasen durchlaufen: von Arbeitskräfteüberhang über Industrialisierung bis hin zu Fachkräftemangel, Automatisierung und Umweltregulierung. Personalentwicklung ist dabei längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Wettbewerbsfaktor.
Wer China heute noch mit den Maßstäben der 1990er-Jahre beurteilt, verkennt die Realität. Und wer glaubt, dass sich industrielle Entwicklung ohne Investitionen in Menschen, Prozesse und Umwelt fortsetzen lässt, wird schnell eines Besseren belehrt.
Auch hier gilt: Die Zeiten ändern sich.
Und wer erfolgreich bleiben will, muss sich mit ihnen ändern.
Heiko Gutsche