Die Zeiten ändern sich – und mit ihnen unsere Ansichten

Rückblickend ist es faszinierend zu beobachten, wie sich Wahrnehmungen verändern. Nicht nur persönliche, sondern gesellschaftliche. Kaum ein Land steht dafür exemplarischer als China.

Als ich in den 1980er-Jahren mein Studium der Chinakunde (Sinologie) begann, erntete ich vor allem eines: Unverständnis. Man wurde belächelt, manchmal offen ausgelacht. China galt als rückständig, irrelevant, bestenfalls exotisch. Selbst mein eigener Vater fragte mich nach drei Semestern ernsthaft, wie lange er mir „diesen Scheiß“ noch finanzieren solle.

China war damals kein Zukunftsversprechen. Es war ein Randthema.

Einige Jahre später, als ich mein Geschäft aufbaute, begegnete mir diese Haltung erneut – diesmal in anderer Form. Einer meiner ersten Kunden erklärte mir mit großer Überzeugung, dass sich China nicht weiterentwickeln könne. Auf meine Nachfrage nach dem „Warum“ folgte eine scheinbar logische Begründung:

Wo sollten denn die Rohstoffe herkommen, wenn plötzlich alle Chinesen Autos, Fernseher, Waschmaschinen und Konsumgüter besitzen wollten?

China, so die damalige Annahme, müsse zwangsläufig an seinen eigenen Grenzen scheitern.

Bekanntlich kam es anders.

China hat die Rohstoffe gefunden, Lieferketten aufgebaut, Technologien entwickelt und sich in einem Tempo industrialisiert, wie es die Weltgeschichte zuvor kaum gesehen hat. Schneller, konsequenter und strategischer als nahezu jedes andere Land.

Und plötzlich änderte sich der Ton.

Aus dem belächelten Entwicklungsland wurde eine Bedrohung. Aus wirtschaftlichem Erfolg wurde politische Projektion. China wird heute oft pauschal als „menschenverachtende Diktatur“ beschrieben. Differenzierung findet selten statt, Zwischentöne kaum.

Dabei lohnt ein Blick auf die Realität:

Jedes Jahr reisen rund 130 Millionen Chinesinnen und Chinesen ins Ausland. Und sie kommen wieder zurück. Freiwillig. Regelmäßig. In großer Zahl. So „menschenverachtend“ kann ein System offenbar nicht sein, wenn seine Bürger die Welt bereisen – und bewusst zurückkehren.

Bemerkenswert ist auch die Reaktion der chinesischen Regierung auf die zunehmende Kritik. Statt mit Gegenpropaganda oder Abschottung zu reagieren, wählte man einen überraschend offenen Ansatz:

„Kommt her und urteilt selbst. Kein Visum mehr nötig.“

Ein genialer Schachzug. Denn nichts entlarvt Vorurteile so schnell wie eigene Erfahrung.

Ich rate jedem, dieses Angebot anzunehmen. Nicht, um etwas schönzureden oder unkritisch zu übernehmen – sondern um sich ein eigenes Bild zu machen. Abseits von Schlagzeilen, politischen Narrativen und vereinfachten Feindbildern.

China ist kein perfektes Land. Aber es ist auch kein monolithischer Gegner. Es ist komplex, dynamisch, widersprüchlich – wie jede große Gesellschaft. Wer genau hinsieht, erkennt vieles, das eher Vorbild als Feindbild sein kann: langfristiges Denken, Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Technologie und industrielle Wertschöpfung.

Die Zeiten ändern sich.

Und mit ihnen sollten sich auch unsere Ansichten ändern – oder zumindest überprüft werden.

Denn wer die Welt nur aus der Distanz beurteilt, verpasst oft die Realität.

Heiko Gutsche