Lieferantenauswahl in China und Taiwan: Due Diligence und Werksaudit

Lieferanten in China oder Taiwan zu finden, ist oft nicht das Problem. Die Herausforderung liegt darin, den richtigen Anbieter zu identifizieren, verlässlich zu qualifizieren und ihn dann über Monate stabil zu halten, auch wenn sich Auslastung, Personal oder Rohstoffpreise vor Ort ändern.

Gerade im Werkzeug- und Formenbau, bei Spritzgussteilen, Zerspanung, Baugruppenmontage oder Elektronik entscheidet die Lieferantenauswahl über Qualität, Termintreue und Reklamationsquote. Wer sich dabei nur auf Zertifikate, Webauftritt und Preis verlässt, kauft Risiken mit ein.

Warum Due Diligence bei Asien-Lieferanten anders „funktioniert“

In DACH-Projekten ist man gewohnt: Handelsregisterauszug, Bonitätsauskunft, ISO-Zertifikat, Besuch, Freigabe. In China und Taiwan ähneln die Schritte zwar, aber die Aussagekraft einzelner Nachweise unterscheidet sich deutlich.

In China ist die Verifikation des offiziellen chinesischen Firmennamens und der Registrierungsdaten zentral, weil nur diese in Verträgen und bei Streitfällen wirklich tragen. Dokumente auf Englisch können korrekt übersetzt sein, müssen es aber nicht. Dazu kommt, dass Konzerne, Schwestergesellschaften und Subunternehmer-Strukturen in Clusterregionen schnell unübersichtlich werden.

In Taiwan ist die Registerlage meist transparenter, häufig sind Auszüge auch auf Englisch erhältlich. Trotzdem gilt: Auch dort kann ein Anbieter fachlich sehr gut sein und gleichzeitig unter Kapazitätsdruck stehen, wenn er stark in Hightech-Sektoren eingebunden ist.

Vorelektion: aus vielen Kandidaten wenige machen

Am Anfang steht fast immer eine breite Longlist, aufgebaut über Messen, Empfehlungen, Datenbanken oder lokale Netzwerke. Ziel der Vorelektion ist, die Zahl der Kandidaten so zu reduzieren, dass eine echte technische und kaufmännische Prüfung möglich wird.

Dazu gehört eine klare Definition, was ein Lieferant leisten muss: Prozessfähigkeit, Materialkompetenz, Losgrößen, Werkzeugstandzeiten, Messmittel, Dokumentationsanforderungen, Anlaufkonzept, Verpackung und Exportfähigkeit. Schon diese Anforderungen filtern viele Anbieter aus, ohne dass man reisen oder Audits bezahlen muss.

Typische Vorelektionskriterien sind:

  • Mindestanforderungen an Maschinenpark und Prozesse
  • Referenzen in vergleichbaren Industrien
  • Export- und Kommunikationserfahrung
  • Reaktionsgeschwindigkeit im Angebotsprozess
  • Nachvollziehbare Kalkulation statt „Glattpreis“

Ein praktischer Tipp: Bereits in der Angebotsphase lässt sich testen, wie sauber ein Lieferant arbeitet. Kommen Rückfragen zu Zeichnungen, Toleranzen, Prüfmerkmalen und kritischen Maßen? Oder wird nur der Preis bestätigt?

Dokumentenprüfung: Identität, Berechtigung, Risiken

Due Diligence startet mit der Frage: Mit wem würde ich juristisch und operativ zusammenarbeiten? Das klingt banal, verhindert aber typische Fehler, etwa Verträge mit einer Handelsfirma statt dem Produzenten oder Zahlungen an eine nicht passende Einheit.

In China gehören dazu regelmäßig Business License, Firmenstempel- und Unterschriftenprüfung, Registerverifikation, Eigentümerstruktur und bei sensiblen Produkten auch Exportfähigkeit und Genehmigungen. Je nach Branche sind zusätzliche Nachweise relevant, etwa CCC bei bestimmten Produktgruppen.

Die finanzielle Seite wird oft unterschätzt. Ein Lieferant kann technisch gut sein und dennoch aus Liquiditätsgründen ständig Material wechseln, Personal verlieren oder Prioritäten verschieben. Hier helfen Bonitätsabfragen, Zahlungs- und Lieferhistorie, realistische Kapazitätsdaten und ein Blick auf typische Kundenstruktur (wenige Großkunden oder breite Basis).

Auch rechtliche Historie und IP-Risiken gehören in die Prüfung, gerade wenn Zeichnungen, Formen oder proprietäre Prozesse übergeben werden. Wer Patentstreitigkeiten oder auffällige Produktkopien im Portfolio sieht, sollte genauer nachfragen, bevor Werkzeuge beauftragt werden.

Werksaudit vor Ort: was man nur in der Fabrik sieht

Ein Werksaudit ist mehr als ein Rundgang. Es prüft, ob Prozesse im Alltag funktionieren und ob das Werk die geforderte Qualität auch bei Serienbedingungen halten kann. Dokumente zeigen, was geplant ist. Der Shopfloor zeigt, was tatsächlich passiert.

Ein gutes Audit verbindet vier Perspektiven: Technik, Qualität, Organisation und Compliance. Bei Industriekunden sind häufig ISO 9001, IATF 16949, ISO 13485, ISO 14001 oder kundenindividuelle Standards relevant. Mindestens genauso wichtig ist, ob Prüfplanung, Rückverfolgbarkeit, Wareneingangskontrolle, Sperrlager und Reklamationsprozess wirklich gelebt werden.

Ein typischer Audit-Tag lässt sich in klare Bausteine zerlegen:

  1. Kickoff mit Werksleitung und Qualität: Scope, Produkte, erwartete Mengen, kritische Merkmale.
  2. Dokumentencheck: Zertifikate, Organigramm, Prozesslandschaft, Prüfmittelmanagement, Kalibrierungen.
  3. Shopfloor-Assessment: Materialfluss, Rüstprozesse, Inprozessprüfungen, Handling, Sauberkeit, 5S, Wartung.
  4. Traceability-Test: Von einem Serienlos rückwärts bis zum Rohmaterial und zu den Prüfprotokollen.
  5. Abschlussgespräch: Abweichungen, Sofortmaßnahmen, Verantwortlichkeiten, Timing.

Bei Werkzeug- und Formenbau kommen zusätzliche Punkte dazu: Stahlqualitäten, Wärmebehandlung, Erodier- und Frässtrategie, Polierkompetenz, Tryout-Möglichkeiten, Ersatzteilversorgung, Wartungskonzept und klare Abnahmeprotokolle.

China vs. Taiwan: praxisnahe Unterschiede im Audit und in der Prüfung

Beide Märkte sind industriell stark, aber die Rahmenbedingungen führen zu unterschiedlichen Schwerpunkten. In China ist die Bandbreite an Lieferanten riesig, ebenso die Streuung in Reifegrad und Stabilität. In Taiwan ist die Fertigung in vielen Bereichen technologisch sehr sauber, dafür ist Kapazität häufiger der Engpass.

Die folgende Übersicht hilft, Audits und Due Diligence passend auszurichten:

ThemaChina: typischer FokusTaiwan: typischer Fokus
Register und IdentitätVerifikation des offiziellen chinesischen Namens, Stempel, lokaler RegisterdatenZentralere Registerlage, oft leichter nachvollziehbar
ProduktionsnetzwerkRisiko von Untervergabe, wechselnden Subunternehmern, Cluster-StrukturenHäufig stabilere Strukturen, aber Spezialisierung kann externe Prozesse nötig machen
Compliance und RegularienBreite Anforderungen (Umwelt, Arbeitsschutz, Exportkontrolle, Datenschutz), teils hoher lokaler VollzugVergleichbar strikte Umwelt- und Arbeitsschutzgesetze, oft transparenter dokumentiert
Audit-DurchführungHierarchie stärker ausgeprägt, Abstimmungen häufig über WerksleitungOft pragmatischere Kommunikation, Dokumentation häufiger in Englisch verfügbar
Operatives RisikoHohe Dynamik bei Auslastung, Personalfluktuation in manchen RegionenKapazitätsengpässe in Spitzenbranchen, teils längere Vorlaufzeiten

Kurz gesagt: In China lohnt sich ein besonders gründlicher Blick auf Identität, Untervergabe und Prozessdisziplin. In Taiwan lohnt sich ein besonders klarer Blick auf Kapazitätsplanung, Lieferzusagen und Eskalationswege, wenn sich Prioritäten verschieben.

Von Auditbefund zu Serienfähigkeit: CAPA, Muster und Prozessfenster

Ein Audit ist nur dann wirtschaftlich, wenn es zu besseren Entscheidungen führt. Das passiert durch ein sauberes Maßnahmenmanagement: Abweichungen dokumentieren, Ursachen analysieren, Korrektur- und Vorbeugemaßnahmen vereinbaren, Fristen setzen und Wirksamkeit prüfen.

Im Industriekontext bewährt sich eine Verknüpfung aus Audit und Musterphase. Die Musterteile sind der Realitätscheck: Stimmen Maßhaltigkeit, Oberflächen, Materialnachweise, Prüfberichte, Verpackung und Kennzeichnung? Ist das Messkonzept belastbar, inklusive Messmittel und Wiederholbarkeit?

Ein hilfreiches Werkzeug ist das definierte Prozessfenster: Welche Parameter sind freigegeben, welche Schwankungen sind zulässig, und wie wird dokumentiert, wenn Materialcharge, Maschine oder Werkzeugzustand wechseln? Je klarer dieser Rahmen, desto weniger Überraschungen im Serienhochlauf.

Typische Warnsignale, die in China und Taiwan immer wieder auftreten

Viele Probleme kündigen sich früh an, oft schon vor dem ersten Auftrag. Wer Warnsignale konsequent sammelt und bewertet, spart später Zeit, Nacharbeit und Expressfrachten.

Hier sind häufige rote Flaggen mit passenden Gegenfragen:

  • Unklare Firmenidentität: Passt der Name auf Angebot, Stempel, Business License und Bankkonto wirklich zusammen?
  • „ISO vorhanden“, aber keine Nachweise: Gibt es Auditberichte, Gültigkeit, Scope und verantwortliche Ansprechpartner im Werk?
  • Unplausible Kapazitätsangaben: Welche Maschinen laufen im Dreischichtbetrieb, wie hoch ist OEE, wie wird priorisiert?
  • Ausweichende Antworten zu Untervergabe: Welche Prozesse sind im Haus, welche extern, und wie wird Qualität beim Subsupplier gesichert?
  • Sehr niedriger Preis ohne Erklärung: Welche Annahmen stecken in der Kalkulation (Material, Toleranzen, Prüfaufwand, Ausschussquote)?

Ein einzelnes Signal ist nicht automatisch ein Ausschlusskriterium. Mehrere Signale ohne belastbare Antworten sind es meistens.

Auditfrequenz und Monitoring: wie man Stabilität einkauft

Nach der Auswahl beginnt die eigentliche Arbeit. Die Frage ist dann: Wie viel Kontrolle ist sinnvoll, ohne das Projekt zu überfrachten?

Als Faustregel gilt: Je kritischer das Teil (Sicherheitsfunktion, regulatorische Anforderungen, hohe Folgekosten), je höher das Volumen und je neuer die Lieferbeziehung, desto engmaschiger sollten Audits und Kontrollen sein. Viele Unternehmen kombinieren dabei:

  • Erstbewertung vor Auftrag oder vor Werkzeugfreigabe
  • Prozessabnahme vor Serienstart (Run-at-Rate, Pilotlos)
  • Regelmäßige Re-Audits im 6 bis 12-Monats-Rhythmus bei relevanten Lieferanten
  • Produktionsbegleitende Prüfungen (Inprozess, Endabnahme, AQL, Messberichte)

In China sind unangekündigte Checks öfter sinnvoll, weil sie den Alltagsbetrieb abbilden. In Taiwan kann der Mehrwert eher in der Kapazitäts- und Lieferplanung liegen, etwa durch frühzeitige Slot-Reservierung und klare Change-Management-Regeln.

Praktische Umsetzung mit lokalem Team: was das im Alltag bringt

Viele Mittelständler können nicht für jede Abweichung nach Asien fliegen. Gleichzeitig reicht ein Remote-Setup selten aus, wenn Werkzeuge angepasst, Prozessparameter diskutiert oder Abstellmaßnahmen im Shopfloor überprüft werden müssen.

Ein Umsetzungspartner mit Vor-Ort-Präsenz in China und Taiwan kann die Lücke schließen: Lieferantensuche strukturieren, Due Diligence durchführen, Audits organisieren, Maßnahmen nachhalten und die Kommunikation in beide Richtungen übersetzen, fachlich und kulturell. Bei TaiGer Deutschland GmbH liegt der Fokus genau auf dieser Kombination aus Beratung und operativer Umsetzung für Industriekunden, von der Lieferantenauswahl über Werkzeug- und Formenbau bis zur laufenden Qualitätssicherung.

Entscheidend ist dabei weniger das „Ob“ eines Audits, sondern das „Wie“: klare Checklisten, eindeutige Kriterien für Go und No-Go, saubere Berichte, schnelle Rückkopplung und ein Maßnahmenplan, der bis zur Wirksamkeitsprüfung verfolgt wird. Nur dann entsteht aus einem Werksbesuch eine belastbare Lieferkette, die auch dann trägt, wenn der Markt kurzfristig dreht.